Die Flüchtlingsinitiative „Willkommen bei uns in Oberkrämer, Leegebruch und Velten“ feiert ihren 1. Geburtstag

Am 3. Dezember 2014 haben eini­ge Bürger rund um Jörg Ditt die Initiative WOLV gegrün­det. Heute, ein Jahr spä­ter wol­len wir das ers­te Jahr Revue pas­sie­ren las­sen und die Bürger von Oberkrämer, sowie alle Interessierten über den aktu­el­len Stand infor­mie­ren.
Deshalb haben wir Jörg gebe­ten, sich noch ein­mal zurück zu erin­nern wie alles begann, wie es ist und wie es wei­ter gehen wird. Beginnen wol­len wir mit einer per­sön­li­chen Stellungnahme zur Intention bei der Gründung:

Jörg Ditt

Jörg Ditt

Jörg Ditt: Ich bin schon vie­le Jahre in der Flüchtlingsarbeit aktiv und sehe es seit jeher als Selbstverständlichkeit an, dass wir – als eines der reichs­ten Länder der Welt – Menschen hel­fen die in Not sind. Ich sehe es als unse­re mora­li­sche Pflicht an den Menschen die zu uns kom­men, Schutz und Hilfe anzu­bie­ten und unter­stüt­ze jeden Schritt, der den Flüchtlingen bei der Integration hilft. In einer erfolg­rei­chen Integration liegt der Schlüssel zu einem gesell­schaft­lich fried­li­chen Miteinander. Integration muss jedoch gelebt wer­den und kann nicht “von oben” ange­ord­net wer­den. Genau das sehe ich als zen­tra­le Aufgabe unse­rer Initiative. Mein Credo ist „Miteinander reden heißt: Mehr von­ein­an­der wis­sen“

Zum Jahresende und anläss­lich des 1. Geburtstags der Initiative eine ers­te Frage: Was habt Ihr in die­sem Jahr geschafft und wie lau­tet Dein Resümee?

Jörg Ditt: „Aus anfangs 15 Interessierten sind mitt­ler­wei­le mehr als 200 Aktive gewor­den. Dies ist eine Entwicklung, die ich nicht in mei­nen kühns­ten Träumen erwar­tet hat­te. Immer wie­der mel­den sich UnterstützerInnen, die die unter­schied­lichs­ten Spenden zur Verfügung stel­len wol­len. Auch sto­ßen immer mehr inter­es­sier­te Menschen aus vie­len ande­ren Bereichen zu uns – sei­en es pri­va­te AktivistInnen, Kirchen, Gewerkschaften oder auch pri­va­te Geschäftsleute – Sie alle bil­den das Rückgrat unse­rer Arbeit.

Wie bringt Ihr die gan­zen Unterstützer zusam­men und wie gut seid Ihr dabei orga­ni­siert?

Jörg Ditt: Wir muss­ten auf­grund der gro­ßen Mitgliederzahl anfan­gen, uns intern neu zu ord­nen und anders auf­zu­stel­len. Es wur­den inner­halb der Initiative vie­le erfolg­rei­che Arbeitsgruppen gebil­det, die eigen­stän­dig die unter­schied­lichs­ten Bereiche abde­cken. Dies beginnt bei der all­ge­mei­nen Beratung von Flüchtlingen, Begleitung zu Behördengängen, Knüpfen sozia­ler Kontakte, Übersetzungshilfen und – vor allem – bei mora­li­scher Unterstützung. Durch Respekt, Aufmerksamkeit und Selbstverständnis sol­len die Flüchtlinge als gleich­be­rech­tig­te Mitmenschen akzep­tiert und inte­griert wer­den. Diese Menschen haben viel durch­ge­macht – weit mehr als der über­wie­gen­de Teil von uns. Diese Erfahrung im Umgang mit den Flüchtlingen ist prä­gend, wirkt sich stark auf die Initiativ-Arbeit aus und moti­viert uns, wei­ter zu machen.“

Kannst Du kurz eini­ge lau­fen­de Projekte der Initiative umrei­ßen?

Jörg Ditt auf dem Begegnungsfest in Eichstädt am 16. August 2015

Jörg Ditt auf dem Begegnungsfest in Eichstädt am 16. August 2015

Jörg Ditt: „Die Unterkunft in Oberkrämer ist mitt­ler­wei­le voll besetzt und die vie­len Arbeitsgruppen arbei­ten bereits erfolg­reich an ver­schie­de­nen Projekten. So konn­ten bis­her bei meh­re­ren Hilfsbasaren die vie­len Sachspenden die uns ver­trau­ens­voll aus der Bevölkerung über­ge­ben wur­den, per­sön­lich an die bedürf­ti­gen Flüchtlinge wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Ein ande­res wich­ti­ges Projekt ist das lie­be Geld. Natürlich ist auch die Initiative auf finan­zi­el­le und mate­ri­el­le Unterstützung ange­wie­sen. Dank dem Wirken unse­rer AG Geld und der groß­ar­ti­gen Hilfe der Kirche in Leegebruch sind wir mitt­ler­wei­le in der Lage, den vie­len groß­zü­gi­gen Spendern bei Bedarf auch Spendenquittungen aus­zu­stel­len. Unsere AG Geld küm­mert sich zudem um Sponsoren-Akquise und spricht aktiv und auf­klä­rend Mitbürger und Unternehmer in der nähe­ren Umgebung an. Wir hat­ten z. B. einen Spenden-Stand auf dem Leegebrucher Weihnachtsmarkt, der sehr gut ange­nom­men wur­de und wo inter­es­san­te und erfolg­ver­spre­chen­de Kontakte geknüpft wer­den konn­ten. Sehr viel konn­ten die vie­len Aktiven auch beim Thema Deutschkurse errei­chen. Unsere Sprache schnell zu erler­nen ist der zen­tra­le Schlüssel einer erfolg­rei­chen Integration. Die Gemeinde Oberkrämer stellt uns freund­li­cher­wei­se Räume in der Remonteschule zur Verfügung. Dort kön­nen wir mit den Flüchtlingen Deutschkurse durch­füh­ren die auch wirk­lich begeis­tert ange­nom­men wer­den. Diese Kurse sol­len und kön­nen nicht die, der Kreisvolkshochschule erset­zen, die Intensivkurse anbie­tet. Aber unse­re Unterstützung ebnet stei­ni­ge Wege und schafft Vertrauen, för­dert die sozia­le Integration und die Kontaktpflege.“

Was ist an wei­te­ren Projekten in Planung?

Jörg Ditt: „In Kürze wer­den wir direkt auf dem Gelände der Unterkunft einen Container für eine Fahrradwerkstatt und einen Bürocontainer auf­stel­len. Ein beson­de­rer Dank gilt hier Herrn Weskamp und Herrn Rink, die ihr Versprechen ein­ge­hal­ten haben und sowohl den Platz bereit­ge­stellt und befes­tigt, als auch den ver­spro­che­nen Stromanschluss zur Verfügung gestellt haben.

Kannst Du genau­er dar­auf ein­ge­hen, wie Ihr die­se nut­zen wollt?

Jörg Ditt: „Hier wol­len wir einen zen­tra­len Anlaufpunkt errich­ten um nah an den Flüchtlingen zu sein und die Kontakte wei­ter zu inten­si­vie­ren. Die Container sol­len zudem noch mit auf­ge­spray­ten Motiven ver­schö­nert wer­den. Das wird dann auch sogleich ein Spaß-Projekt, das wir mit Jugendlichen aus Oberkrämer und Leegebruch und jun­gen Menschen aus dem Heim gemein­sam durch­füh­ren wol­len. Wir wer­den uns aber erst ein­mal tref­fen, Vorschläge dis­ku­tie­ren und final auch umset­zen, um dem Ganzen einen „Happening-Charakter“ zu ver­lei­hen. Dieses Projekt soll im kom­men­den Frühjahr mit Musik und einem gemein­sa­men Grillen ange­sto­ßen wer­den. Dank einer groß­zü­gi­gen Spende der IGMetall kön­nen wir alle dafür erfor­der­li­chen Utensilien kau­fen.“

Interessant ist natür­lich auch der Punkt, wie Eure Arbeit von der ein­hei­mi­schen Bevölkerung auf­ge­nom­men wird. Habt Ihr da bereits ers­te Reaktionen erfah­ren und habt Ihr vor, die „neu­en“ Bürger mit den „alten“ Bürgern zusam­men zu brin­gen, um gemein­sa­me Impulse zu schaf­fen?

Jörg Ditt: „Dieser Punkt ist ein ganz wesent­li­cher Aspekt unse­rer Arbeit – der Kontakt zu den BürgerInnen aus Oberkrämer, Leegebruch und Velten. Auch an die­ser Stelle sehen wir uns als unter­stüt­zen­des Bindeglied zwi­schen Bevölkerung und Flüchtlingen. Geht es doch pri­mär dar­um Kontakte her­zu­stel­len, Vorurteile abzu­bau­en und auch die Ängste der Menschen auf­zu­neh­men. Wir spre­chen mög­li­che Probleme ehr­lich an und wie­geln nicht ab. Viele Sorgen und Unsicherheiten der Anwohner sind durch­aus berech­tigt und müs­sen ange­nom­men und bespro­chen wer­den, denn nur wenn auch die Befindlichkeiten der Menschen aus der Umgebung respek­tiert wer­den, kann eine erfolg­rei­che Integration umge­setzt wer­den. Erfreulicherweise ist ein wirk­lich hoher Anteil der Menschen aus Oberkrämer, Leegebruch und Velten offen für kon­struk­ti­ve Argumente – und so kön­nen wir oft Fragen und ver­meint­li­che Probleme durch Erklären der Sachverhalte rela­ti­vie­ren, ohne dass wir etwas „klein­re­den“. Für das Frühjahr 2016 haben wir zudem ein Frühlingsfest geplant. Dieses ist eine Fortführung des erfolg­rei­chen „Fest der Begegnung“, das wir im August 2015 bereits in Eichstädt ver­an­stal­ten konn­ten. Auch an die­ser Stelle möch­te ich einen kur­zen herz­li­chen Dank an die Kinder und Kulturkirche (KUKI) aus­spre­chen, die uns dabei unter­stützt hat. Diesmal wird es in einem grö­ße­ren Rahmen mit Live-Musik, Info-Ständen, Verkauf von Speisen und Diskussionsrunden statt­fin­den. Wir wol­len mit die­sem Event die Menschen ein­an­der näher brin­gen und damit Gelegenheit schaf­fen, sich ken­nen­zu­ler­nen. Nicht nur die Initiativler die aktiv sind in der Flüchtlingsarbeit sind wich­ti­ger Bestandteil um Integration zu för­dern son­dern auch die, die hier leben. Dies ist der ein­zig funk­tio­nie­ren­de Weg um Vorurteile abzu­bau­en oder Missverständnisse zu ver­mei­den. Die Vorbereitungen dazu lau­fen bereits auf
Hochtouren und in Kürze wer­den wir dazu wei­te­re Informationen geben kön­nen.

Wie wür­dest Du die der­zei­ti­ge Beziehung der AktivistInnen zu den Heimbewohnern beschrei­ben? Gibt es auch zwi­schen­mensch­li­che oder kul­tu­rel­le Probleme?

Jörg Ditt: „Wir haben mitt­ler­wei­le zu fast allen Menschen in der Unterkunft die viel­fäl­tigs­ten per­sön­li­chen Kontakte auf­ge­baut. Dadurch sind teil­wei­se auch sehr emo­tio­na­le Bindungen ent­stan­den. So konn­ten Aktive unse­rer Initiative bei den ers­ten zwei Geburten in „unse­rem“ Heim die Mütter beim Gang zum Krankenhaus beglei­ten und sogar eine Familie dabei unter­stüt­zen eine eige­ne Wohnung zu fin­den. Wir wäh­len den Ausdruck „unser Heim“ ganz bewusst – betrach­ten es aber natür­lich nicht als unser Eigentum. Nur sind wir mit den Bewohnern mitt­ler­wei­le so stark ver­bun­den, dass wir ger­ne und oft von „unse­rem“ Heim spre­chen.
Es gibt auch Probleme – kei­ne Frage! Spannungen tre­ten in der beeng­ten und lau­ten Umgebung auf, das ist ganz natür­lich und nicht zu ver­mei­den. Man stel­le sich vor, einen ruhi­gen oder gar pri­va­ten Bereich zu fin­den ist schier unmög­lich. Missverständnisse durch Sprachbarrieren kön­nen schnell zu unge­woll­ten Konflikten füh­ren. Daher sehen wir es als eine unse­rer wich­tigs­ten Aufgaben an, die Menschen aus der Unterkunft her­aus­zu­ho­len, ihnen Abwechslung zu bie­ten und in unser gesell­schaft­li­ches Leben zu inte­grie­ren.
Die Initiative hält engen Kontakt mit der Verwaltung und zu den Sozialarbeitern, um geplan­te Aktionen abzu­stim­men. So tref­fen wir uns ein­mal in der Woche mit den Sozialarbeitern vor Ort um uns gegen­sei­tig über Pläne – aber auch über evtl. Probleme aus­zu­tau­schen.“

Was erwar­test Du für das kom­men­de Jahr? Hast Du bereits kon­kre­te Zahlen zu Flüchtlingen, die noch kom­men wer­den und gibt es „Expansionspläne“ der Initiative für die geplan­ten Unterkünfte in Marwitz oder Velten?

Jörg Ditt: „Wir bli­cken mit Spannung auf das Jahr 2016. Mitte 2016 wer­den wei­te­re ca. 120 Flüchtlinge im Heim in Oberkrämer unter­ge­bracht. Darüber hin­aus ist eine Unterkunft in Marwitz mit ca. 150 Flüchtlingen geplant. Was in Velten zu erwar­ten ist, ist zur Zeit noch nicht klar. Auf jeden Fall ist unse­re Initiative durch die gute inter­ne Organisation gut gerüs­tet, um die­se gro­ßen Aufgaben zu bewäl­ti­gen. Das funk­tio­niert natür­lich nur, wenn wir wei­ter­hin so viel Unterstützung aus der Bevölkerung bekom­men und sich auch wei­ter Menschen bei uns mel­den, die aktiv hel­fen wol­len. Daher mei­ne Bitte: spre­chen Sie uns an wenn Sie Probleme sehen – Sprechen Sie uns an wenn Sie unsi­cher sind – Sprechen Sie uns an wenn sie Ideen haben wie Sie unter­stüt­zen möch­ten! Jeder Einzelne ist wich­tig, denn jeder hat beson­de­re Talente, Ideen, Möglichkeiten und Fähigkeiten die hilf­reich sind.

Danke Jörg, dass Du eure Arbeit, die der­zei­ti­ge Situation und die Perspektiven nach einem Jahr WOLV für uns und die Bürger von Oberkrämer zusam­men­ge­fasst hast und Einblicke in Eure Arbeit gewährst. Du darfst gern das Schlusswort haben.

Jörg Ditt: „Mittlerweile ist es offen­sicht­lich und auch poli­zei­lich bestä­tigt, dass sich die Straftaten gegen­über Flüchtlingen in die­sem Jahr nahe­zu ver­dop­pelt haben. Heime bren­nen wie­der und man fühlt sich bei­nah schon zurück ver­setzt ins Jahr 1992 nach Rostock-Lichtenhagen. Mit Sorge sehe ich, wie immer mehr gehetzt wird, Lügen ver­brei­tet und Menschen offen ange­fein­det wer­den. Daher rufe ich zur akti­ven Teilnahme an den viel­fäl­ti­gen Gegenveranstaltungen des Abendspaziergangs am 7. Januar 2016 in Velten auf.
Bitte über­legt Euch gut, mit wem ihr unter dem Deckmantel eines „Spaziergangs“ durch die Gegend lauft.“

 

Das Interview führ­te: Karin Hoppmann