6 Jahre WOLV

Die Initiative „Willkommen bei uns in Oberkrämer, Leegebruch und Velten“ (WOLV) hat sich Ende 2014 gegrün­det und blickt mitt­ler­wei­le auf fast sechs (!) Jahre Engagement zurück, die sehr ereig­nis­reich und arbeits­in­ten­siv, aber vor allem erfolg­reich und für alle Beteiligten sicher berei­chernd waren.

Die aktu­el­le Situation rund um das COVID-19-Virus hat vie­les grund­le­gend geän­dert – und erfüllt auch uns mit Sorge.
Einige Verdachtsfälle in der Gemeinschaftsunterkunft (GU) Oberkrämer haben sich erfreu­li­cher Weise nicht bestä­tigt. Die Bewohner kön­nen sich frei bewe­gen. Natürlich unter Berücksichtigung der Vorsichtsmaßnahmen, die für uns alle gel­ten.
Wir hal­ten es aber unter den gege­be­nen Umständen für unver­ant­wort­lich, die Menschen in Gemeinschaftstoiletten und ‑küchen, d. h. auf sehr engem Raum woh­nen zu las­sen. Die von Wissenschaft emp­foh­le­nen und poli­tisch vor­ge­schrie­be­nen Abstandsregeln kön­nen so kei­nes­falls ein­ge­hal­ten wer­den.

Nach wie vor hat die Verwaltung aus unse­rer Sicht kein schlüs­si­ges Konzept, wie sie mit der aktu­el­len Situation umgeht. Eine Entzerrung der Belegung wird lei­der nicht ein­mal dis­ku­tiert. Entsprechende Petitionen, die Veränderungen for­dern, wer­den igno­riert. Die Situation in der GU in Hennigsdorf zeigt jedoch, wie schnell die Situation unkon­trol­lier­bar wer­den kann. Von außen gleicht das Gelände einem schwer bewach­ten Gefängnis.

Wir rufen die Kreisverwaltung ein­dring­lich auf, die Geflüchteten und Asylbewerber, soweit es geht, dezen­tral unter­zu­brin­gen, min­des­tens die Zimmerbelegung zu redu­zie­ren und alle BewohnerInnen, SozialabeiterInnen sowie das Sicherheitspersonal kon­ti­nu­ier­lich wöchent­lich tes­ten zu las­sen.

Die Menschen sind ver­un­si­chert oder ver­ängs­tigt. Das gilt für die Bewohner der GU eben­so wie für die vie­len ehren­amt­lich Tätigen. In den letz­ten Jahren bewähr­te Kontaktformen und ‑wege bre­chen weg, neue müs­sen müh­sam auf­ge­baut wer­den. Angebote, wie die nach wie vor erfolg­rei­che Fahrradwerkstatt der WOLV, lie­gen auf Eis. Auch unse­re Beratung und ande­re Unterstützungen sind, wenn über­haupt, nur unter erschwer­ten Umständen mög­lich.

Dennoch machen wir wei­ter, da die Menschen in der Unterkunft der­zeit mehr denn je unse­re Unterstützung benö­ti­gen.

WOLV 2014–2020 – was wurde bisher erreicht?

Als größ­ten Erfolg sehen wir, dass alle Familien, die im ers­ten Jahr in die GU ein­ge­zo­gen sind, die­se inzwi­schen dau­er­haft ver­las­sen haben, auf eige­nen Füßen ste­hen und ihr Leben in Deutschland weit­ge­hend ohne Hilfen bestrei­ten. Mehr als 70 Einzelpersonen oder Familien konn­ten in Wohnungen ver­mit­telt wer­den. Die meis­ten haben, auch mit inten­si­ver Unterstützung der Initiative, dau­er­haft Arbeitsstellen, Studien- oder Praktikumsplätze gefun­den, ande­re absol­vie­ren Qualifizierungsmaßnahmen oder Berufsvorbereitungskurse.

Viele Bewohner der GU haben inzwi­schen erfolg­reich Sprachkurse absol­viert, sind in der Lage, sich ohne Unterstützung in Oberkrämer und dar­über hin­aus zurecht­zu­fin­den. Die Kinder und Jugendlichen besu­chen alters­ge­recht die ört­li­chen Schulen oder Kitas.

Nach wie vor gibt es, bis auf ganz weni­ge Einzelfälle, kei­ne poli­zei­re­le­van­ten Vorfälle, auch wenn immer wie­der gegen­tei­li­ge Gerüchte in die Welt gesetzt wer­den. Die Begegnungsfeste, die wir in den Jahren 2016 bis 2018 mit finan­zi­el­ler Unterstützung durch Landkreis und Kommune ver­an­stal­tet haben, waren Highlights und haben sicher dazu bei­getra­gen, dass gegen­sei­ti­ges Verständnis, Kennenlernen und letzt­lich Integrationsbemühungen Früchte getra­gen haben. Seit 2019 betei­li­gen wir uns vor­wie­gend an regio­na­len Veranstaltungen, z. B. Dorf- und Erntedankfesten.

Innerhalb der GU ist es inzwi­schen sehr viel lei­ser gewor­den und weni­ger hek­tisch. Die Betreuung durch die Sozialarbeiter in der GU hat sich inzwi­schen gut ein­ge­spielt, alles hat sich sta­bi­li­siert. Kamen 2015 noch 2068 Menschen als Flüchtlinge und Asylsuchende nach Oberhavel, sind die Zahlen in den Jahren 2016 bis 2019 kon­ti­nu­ier­lich gesun­ken.

Die Gemeinschaftsunterkunft Bärenklau/Leegebruch ist seit Herbst 2015 fast durch­ge­hend voll­stän­dig belegt, war in der Spitze mit über 240 Bewohnern völ­lig über­be­legt. Aktuell leben dort zwi­schen 110 und 140 Personen, davon ca. 35 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre. Mehr als 30 sind in Wohnungen in Leegebruch, Oberkrämer und Velten unter­ge­bracht. Im neu­en Anbau leben deut­sche und aus­län­di­sche Familien in Sozialwohnungen. Viele Geflüchtete leben und arbei­ten auch in Berlin, Oranienburg und Hennigsdorf.

Gab es anfangs noch einen Anteil von ca. 70 Prozent Syrern, hat sich die­ser auf noch etwa 25 Prozent redu­ziert. Die nächst­grö­ße­ren Gruppen sind Geflüchtete aus Kamerun, Afghanistan, Iran und Pakistan. Leider leben eini­ge von ihnen, meist Alleinstehende, schon seit mehr als drei Jahren in der Unterkunft.

Obwohl nicht mehr im Asylverfahren, also über­wie­gend aner­kannt oder mit einer Aufenthaltserlaubnis aus­ge­stat­tet, leben vie­le Betroffene nach wie vor in der GU. Sie müss­ten und wol­len die­se eigent­lich ver­las­sen, eben­so die­je­ni­gen, die eine Arbeit gefun­den haben. Der Landkreis erlaubt zwar den Verbleib in der Unterkunft, die Betroffenen müs­sen in die­sen Fällen aber Miete zah­len. Aus unse­rer Sicht sind die Miethöhen, die teil­wei­se so hoch wie für Ein-Raum-Wohnungen sind, zu kri­ti­sie­ren und soll­ten drin­gend über­prüft wer­den. Es wird eine Zwangslage erzeugt, der die Bewohner nicht ent­ge­hen kön­nen.

Denn lei­der gibt es auch in unse­rer Region bei Weitem zu wenig frei­en und bezahl­ba­ren Wohnraum. Wer aktu­ell aus der GU Leegebruch/Bärenklau aus­zie­hen möch­te, steht vor den glei­chen gro­ßen Problemen, die auch ande­re Teile der Bevölkerung haben. Sie sind jedoch gegen­über ein­hei­mi­schen Bewerben in der Regel im Nachteil. Das bedeu­tet für uns, vie­le frus­trie­ren­de ver­geb­li­che Bewerbungen zu unter­stüt­zen und zu beglei­ten.

Unbefriedigend und oft nicht nach­voll­zieh­bar sind immer noch zu vie­le Entscheidungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Man stel­le sich vor, in ande­ren deut­schen Verwaltungen wür­den etwa 40 Prozent der Bescheide einer gericht­li­chen Überprüfung nicht stand­hal­ten. Dies ist aber bei vie­len afgha­ni­schen Asylanträgen der Fall. Darüber hin­aus gibt es immer noch gro­ße Unterschiede bei der per­sön­li­chen Beratung, Einstufung und Förderung von Geflüchteten bei den jeweils zustän­di­gen Ämtern.

Viele Probleme sind bei allem Engagement der Initiative und ande­rer ehren­amt­lich Tätigen nicht lös­bar, hier sind poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Lösungen gefragt. Die Geflüchteten brau­chen inzwi­schen drin­gend Wohnungen und Arbeits- und Ausbildungsplätze, damit sie bei uns eine neue Lebensperspektive ent­wi­ckeln und sich inte­grie­ren kön­nen. Inzwischen gibt es bei eini­gen Bewohnern der GU Anzeichen für eine nega­ti­ve Entwicklung, die auch bei ande­ren Langzeiterwerbslosen auf­tritt. Hier muss schnell gegen­ge­steu­ert wer­den.

Entsprechend der ver­än­der­ten Bedingungen haben sich auch die Aufgaben der Initiative WOLV ver­än­dert. In ers­ter Linie geht es um grund­sätz­li­che Beratungen und Hilfestellungen, Hilfe bei der Wohnungssuche und kon­ti­nu­ier­li­che Angebote, die zur bes­se­ren oder schnel­le­ren Integration bei­tra­gen. WOLV hat bis zur COVID-19-Krise diens­tags und sams­tags jeweils fes­te Beratungstermine ange­bo­ten. Darüber hin­aus gab es teils indi­vi­du­el­le Unterstützung bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, beim Einüben der deut­schen Sprache und beim Überwinden büro­kra­ti­schen Hürden. Auch die Fahrrad-AG war an (fast) allen Samstagen in unmit­tel­ba­rer Nähe zur GU ein sehr belieb­ter Anlaufpunkt in der Freizeit. Dort gab es Gelegenheit zum Kennenlernen, Austausch und Sprachtraining.

All die­se Angebote muss­ten auf­grund der Pandemie und auch zum Schutz unser vie­len Ehrenamtlichen her­un­ter­ge­fah­ren wer­den. Klar ist, ohne aus­rei­chen­de Sprachkenntnisse und gleich­zei­ti­ge die Bereitschaft der Verwaltung und der Wirtschaft, Chancen zu eröff­nen, ist eine erfolg­rei­che Integration nicht mach­bar. Die Initiative WOLV wird wei­ter ver­su­chen zu bera­ten, zu infor­mie­ren, zu ver­mit­teln und rea­lis­ti­sche Wege für die Geflüchteten auf­zu­zei­gen.

Viele Asylbewerber und Geflüchtete benö­ti­gen auch außer­halb der Unterkunft in Bärenklau/Leegebruch Unterstützung in vie­ler­lei Hinsicht. Zahlreiche Ehrenamtliche, nicht alle Mitglieder bei WOLV, sind hier seit Jahren sehr enga­giert und hel­fen bei allen auf­tre­ten­den Problemen. An die­ser Stelle ein gro­ßes Danke schön an die tol­len Menschen!

Ab Ende Mai 2020 plant die WOLV, die Hilfsangebote unter Einhaltungen der pan­de­mie­be­zo­ge­nen Vorgaben lang­sam aber kon­ti­nu­ier­lich wie­der auf­zu­bau­en.